Schlaitdorf · St. Wendelin

In der Oberamtsbeschreibung aus dem Jahr 1867 liest man:

Die Kirche, ganz im spätgothischen Stil erbaut, bildet ein Rechteck mit spitzbogigen oder geradgestürzten Fenstern, die zum Theil noch die alten Maßwerke haben; auf dem Ostgiebel sitzt ein Steinkreuz. Der Thurm, noch vollständig erhalten und ein schönes Muster eines schlichten gothischen Dorfkirchenthurms, hat drei von Gurten getrennte Geschosse und noch das alte Satteldach, dessen Dreiecks-giebel mit steinernen Knospen bekrönt sind. Das erste Geschoß bildet eine schöne, von einem Rippenkreuzgewölbe überspannte Vorhalle, die sich mit tiefen Spitzbögen gegen Norden und Süden öffnet, gegen Westen ist der Bogen vermauert, gegen Osten führt ein sehr schön behandeltes kraftvolles Spitzbogenportal in die Kirche; die Thüre daran hat noch das alte Eisenbeschläg. Auf dem noch bemalten Schlußstein des Gewölbes steht das Zeichen des Baumeisters zwischen l. und b. Das zweite, nur durch Schießscharten erhellte Geschoß des Thurmes ist ebenfalls gewölbt, hat ein einfaches Kreuzgewölbe und war früher eine sog. Schatzkammer; der dritte Stock zeigt vier große hübsch gefüllte Spitzbogenfenster. Das Innere der Kirche hat eine flache Decke, eine schöne neugothische gefaßte Orgel (1865 erb. v. Goll in Kirchheim) auf der östlichen Empore und eine steinerne achteckige Kanzel, mit der Jahreszahl 1564. In ein Fenster der südlichen Wand ist ein kleines rundes Glasgemälde aus dem 16. Jahrhundert, die Himmels-königin in Strahlen vorstellend, eingesetzt; an derselben Wand hängt ein altes Krucifix an einem im Rococostil gehaltenen Kreuzesstamme. Altar und Kanzel haben hübsche neugothische Holzgeländer. Von den zwei Glocken ist die größere schön verziert und gegossen in Reutlingen von Kurtz 1842, die andere ist sehr alt, von schöner schlanken Form und hat zur Umschrift die Namen der 4 Evangelisten in lateinischen Majus-keln. An der im Norden und Osten noch einige Fuß hohen Ringmauer des früheren Kirchhofes ist ein alter merkwürdiger Stein eingemauert, worauf eine segnende Hand und daneben zwei Sternchen ausgemeis-selt sind, - es ist ein sog. Freistein.

Inhalt

Allgemeine Hinweise · Links

Die Kirche wird auf der Website der Kirchgemeinde beschrieben, dort zum Download ein kleiner, sehr informativer und ansprechend gestalteter Kirchenführer (2014), aus welchem nachfolgend zitiert wird.

Informationen auf Wikipedia, und auf www.kirchbau.de

Um 1500 wurde die heute noch erhaltene Kirche Sankt Wendelin im spätgotischen Stil errichtet. Der im Westen gelegene Turm wurde später durch den Baumeister Hans Buß, der auch die Nürtinger Stadtkirche entworfen hat, angebaut. Das zweite Turmgeschoss ist mit Schießscharten versehen und diente vermutlich als Schatzkammer. Teile des Kirchenschiffes reichen vermutlich bis in die romanische Zeit des 12. Jahrhunderts zurück. (Wikipedia)

Informationen über St. Wendelin im Ökumenischen Heiligenlexikon

Ulrich Zimmermann

Das heißt für mich sogar: Bereits der Schiff-Neubau um 1500 verzichtete auf einen Chor, der ab der Reformation ohnehin unnötig wurde. Da in Wttbg. 1534 die Reformation eingeführt und die Messe abgeschafft wurde, brauchte man eine Kanzel, zunächst - wie anderswo auch - als provisorische Holzkanzel, bis dann 1564 eine Steinkanzel gestellt wurde. Nach dem II. Weltkrieg entschloss man sich offenbar zum erstmaligen Choranbau (dünnere Mauern, siehe Plan) Durchbruch Chorbogen, Abbruch Südkanzel, neue Kanzel an den südlichen Chorbogen, Entfernen der Nordempore, Orgel auf die Westempore - eine damals leider übliche "bilderbuchmäßige" Umwandlung einer Querkirche in eine vermeintlich "richtige" Longitudinalkirche

schreibt mir zur St. Wendelin-Kirche u.a.:

Für mich sind einige versteckte Infos aus dem Kirchenführer interessant (ergänzt durch die Oberamtsbeschreibung): dass es eine (leider ab-gängige) Steinkanzel von 1564 gab sowie - wohl bis 1952 - keinen Chor. Das Kirchenführerfoto von 1917 zeigt eine Kanzel (wohl diese Stein-kanzel) auf der Mitte der Südwand direkt beim mittleren Fenster, Kanzeltreppe von Osten her. Die offenbar gerade abschließende (siehe Oberamtsbeschreibung) Ostwand ist verdeckt durch die Orgel auf einer Empore, darunter Gestühl mit Blickrichtung zur Kanzel. Der in der OAB erwähnte rechteckige Kirchenraum war mit einer Nord- und West-empore plus Ost-Orgelempore einschließlich Parterregestühl auf die Südwandkanzel ausgerichtet - klassische Querkirche! .

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1.1 · Außen

1.2 · Innen Überblick

2.01 - 2.08: Übersicht nach Nordost - zum Chor, zur Orgel
2.09 - 2.10: Blick vom Chor nach Südwesten

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2.1 · Historische Fotos (außen & innen)

2.01 + 2.02: Außen - vor 1950 (ohne Chor im Osten)
2.03 : Innen Anfang des 20. Jahrhunderts - Schmuck des Altars zum Erntedankfest. Kanzel rechts, Orgel auf Empore
2.04: Innen, Blick zum Altar und der Orgel, Kanzel rechts. Man beachte die Aposteltafeln links
2.05: Innen, Aufnahme während des 3. Reichs

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2.2 · Foto von 2006

Blick von der Empore

Blick von der Empore

Bild nach der Renovierung, vor Anbringung der Brüstungsbilder und des Kruzifixus

Herzlichen Dank an Ludger Schmidt, den Architekten der letzten großen Renovierung, für diese Fotos. Ebenso für das Manuskript seiner Ansprache zur Wiedereinweihung am 09.12.2007. Hier zum Download.

3.1 · Chor, Altar und Altarkreuz

3.01 - 3.02: Blick in den Chor, zur Orgel
3.03 : Altar (aus den 1950er Jahren von Hermann Brachert)
3.04: - 3.06: gläsernes Altarkreuz aus der Glaswerkstatt Saile in Stuttgart nach einem Entwurf des Architekten Ludger Schmidt. Die verschiedenfarbigen Gläser greifen die Farben eines Regenbogens auf und sollen an Noah und seine Arche erinnern.

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3.2 · Chor - Orgel (Mühleisen 1989)

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Die erste Orgel aus dem Jahr 1865 wurde von Chr. L Goll aus Kirchheim / Teck gebaut. Sie hatte 11 Register. 1952 wurde sie gründlich überholt und vom Kirchenraum im Zuge des Choranbaues auf die neue Chor- Empore versetzt. Da die alte Orgel von 1865, entsprechend dem spät romantischen Klangideal, sehr grundtönig disponiert war, hat sie Dr. Supper aufgehellt, indem er zwar die alte Registerzahl, die Windladen und die mechanische Spieltraktur beibehielt, aber drei Register mit höheren Fußlagen auswechseln ließ. Trotz dieser Maßnahme war die klangliche Tonentfaltung durch den Emporenstandort ungenügend. Ab 1986 trat die Orgelfrage in ein neues Planungsstadium und man hat sich für eine neue Orgel aus der Werkstatt Mühleisen GmbH in Leonberg entschieden.

Von der Goll-Orgel ist auf Verlangen des Denkmalamtes der neugotische Prospekt wieder verwendet worden. Er wurde etwas nach oben gestreckt und um ein Mittelfeld ergänzt.

Um ein gutes Klangbild bei vollbesetzter Kirche zu erreichen, wurde die Registerzahl auf zwanzig erhöht und mit 1365 Pfeifen aus einer Zinnlegierung und aus Holz ausgestattet. 1989 wurde dann die heutige, hinter dem Altar aufgebaute Mühleisen-Orgel eingeweiht. (Kirchenführer)

4 · Fenster

4.01 - 4.04: Ein besonderes Kleinod der Kirche ist ein Glasbild aus vorreformatorischer Zeit. Es zeigt Maria als Himmelskönigin, mit dem Jesuskind auf dem Arm auf einer Mondsichel schwebend, im Strahlenkranz der Sonne in einem Arabeskenring. Es bezieht sich auf die Offenbarung 12,1: Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel, eine Frau mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Trotz einer Umsetzung bei der Kirchenrenovierung 1952, aus einem Südfenster des Kirchenschiffs in das nördliche Chorfenster, hat das kostbare Glanzstück auch nach 500 Jahren als kunstvolles Zeugnis einer verschwindenden katholischen Bildtradition an seiner Strahlkraft nichts verloren.
Ulrich Zimmermann weist auf die beeindruckende, höchst umfangreiche Publikation hin: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. I, 2 / Die mittelalterlichen Glasmalereien in Schwaben von 1350 bis 1530 (ohne Ulm). Das Schlaitdorfer Fenster ist dort aufgeführt. Über das Corpus Vitrearum Medii Aevi siehe auch Wikipedia.
Neben Schlaitdorf gibt es drei weitere Exemplare der Strahlenkranzmadonna: Amanduskirche Bad Urach und Johanneskirche Wittlingen - interessanterweise alle drei nicht weit von einander entfernt und vom Ende des 15. Jhts - sowie in Schwäbisch Hall, Ev. Stadtkirche St. Michael.

4.05 - 4.12: Das Glasfenster in der Südwand wurde 1958 von Adolf Valentin Saile jun. (1905-1994) Stuttgart geschaffen. Die einzelnen Motive deuten auf verschiedene Gleichnisse von Jesu hin:

4.07 + 4.08: vom Sämann - Mt 13,3 - 9:
3 Und er redete zu ihnen mancherlei durch Gleichnisse und sprach: Siehe, es ging ein Säemann aus, zu säen. 4 Und indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen's auf. 5 Etliches fiel in das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte; und ging bald auf, darum daß es nicht tiefe Erde hatte. 6 Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und dieweil es nicht Wurzel hatte, ward es dürre. 7 Etliches fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen auf und erstickten's. 8 Etliches fiel auf gutes Land und trug Frucht, etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig. 9 Wer Ohren hat zu hören, der höre!

4.09 + 4.10.: vom Fischnetz - Mt 13,47 - 49:
47 Abermals ist gleich das Himmelreich einem Netze, das ins Meer geworfen ist, womit man allerlei Gattung fängt. 48 Wenn es aber voll ist, so ziehen sie es heraus an das Ufer, sitzen und lesen die guten in ein Gefäß zusammen; aber die faulen werfen sie weg. 49 Also wird es auch am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden 50 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappen sein.

4.11 + 4.12.: vom Senforn - Mt 13,31 - 32 | vom verlorenen Groschen - Lk 15,8 - 10:
31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und säte es auf seinen Acker; 32 welches ist das kleinste unter allem Samen; wenn er erwächst, so ist es das größte unter dem Kohl und wird ein Baum, daß die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen unter seinen Zweigen.
8 Oder welches Weib ist, die zehn Groschen hat, so sie der einen verliert, die nicht ein Licht anzünde und kehre das Haus und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freuet euch mit mir; denn ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte. 10 Also auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

 

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5 · Turm, Schiff, Ausstattung

5.01 - 5.06: Das südlich wie nördlich vorhallenartige Erdgeschoss öffnet sich mit einem Spitzbogenportal ins Schiff. Im Schlussstein des Kreuzrippengewölbes fnden sich die Steinmetzzeichen und die Initialen „h“ „b“ des Baumeisters Hans Buß.
5.07: Empore mit Türe zum Turm
5.11 - 5.14: Kanzel (1953 Fiedler), Ambo (2007), Taufstein (1895)
5.21 - 5.25: Kruzifixus - Der Corpus, früher hinter dem Altar aufgestellt und in steter optischer Konkurrenz mit dem Orgelprospekt kaum wahrnehmbar, wurde 2007 restauriert und hängt nun im Kirchenschiff an der Südwand. Er korrespondiert mit dem auferstandenen Christus als der Weltenherrscher auf der Nordwand (==> 6.23) und verdeutlicht so den Spannungsbogen und die Kontinuität zwischen dem Gekreuzigten und dem Auferstandenen. Der Gekreuzigte ist jetzt deutlich sichtbar. An der Südwand befand sich das Kruzifx an einem im Rokokostil gehaltenen Kreuzesstamme schon früher. Nun hat es seinen alten Platz wieder gefunden.
5.31 - 5.35: Wandteppich -Darstellung der Taufe Jesu durch Johannes, mit Hinweis auf das Pfngstwunder mit der Ausgießung des „Heiligen Geistes“. 1960 wurde dieser Wandbehang von sechs Stickerinnen in rund 600 Stunden nach einem Entwurf des Stuttgarter Künstlers Adolf Valentin Saile jun. (1905-1994) - siehe oben Südfenster - in der Paramenten-Werkstatt Stuttgart gefertigt. Es handelt sich um ein Kunstwerk in der Nonnenstichtechnik. Seinen Namen hat der Nonnenstich aus der Zeit, in der in den Klöstern gestickt wurde; man nennt ihn daher auch Klosterstich. Meist wird der Leinenuntergrund dabei vollständig mit Stickerei überdeckt. Das interessante Spiel mit Licht und Schatten wird durch Auflegen eines Fadens, der mit einem zweiten überstickt wird, erzielt. Dadurch erhält man ein Stichbild, das dem Aneinanderlegen von Kordeln gleicht. Damit der Taufort in unserer Kirche deutlich herausgestellt wird, ist der Gobelin über dem Taufstein platziert. (Kirchenführer)

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6 · Christus inmitten von Petrus und Paulus mit den 12 Aposteln, 4 Evangelisten und Johannes dem Täufer

Die Hängung der Apostelbilder an der Emporenbrüstung wurde bei der Innenrenovierung 2007 höhengleich an der Nordwand angebracht. So erinnern sie an die einstige Nordempore, die bei einer früheren Renovierung 1953 entfernt wurde. Neben einer dezenten restauratorischen Überarbeitung bekamen alle den gleichen schlichten Rahmen, passend zum Farbkonzept der Renovierung. Die vier Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) wurden der Kanzel zugeordnet und Johannes der Täufer dem Taufstein.
In der Tradition der christlichen Bildersprache ist verankert, dass zwischen den beiden bedeutenden Persönlichkeiten der ersten Christenheit, Petrus und Paulus, der auferstandene Christus, mit der Weltkugel in der Hand als Weltenherrscher, seinen Platz einnimmt. Damit wird ausgedrückt, dass die höchste Autorität der Christengemeinde, Jesus Christus zusteht. Alle, auch Petrus mit dem Schlüssel fürs Himmelstor und Paulus mit dem Schwert als Verfechter der wahrhaftigen Glaubenslehre, mit ihren teilweise völlig gegensätzlichen theologischen Entwürfen und ihrem Machtstreben, müssen sich unterordnen.

6.01 - 6.06: Übersicht Westwand (4 + 4), Nordwand (3 + 3 + 2), Ostwand (2)
6.11 - 6.29: Einzelbilder in gleicher Reihenfolge

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Brüstungsbilder in anderen Kirchen

sofern diese auf kirchen-online vorgestellt werden. Bislang nur 8 - der Vergleich ist sehr interessant. Daher hier Links zu den einzelnen Seiten:

Beilstein · St. Anna-Kirche

Benningen · Anna-Kirche

Deizisau · Evangelische Kirche

Freiberg-Beihingen · Amanduskirche

Gerlingen · Petruskirche

Lorch · Evangelische Stadtkirche

Plochingen · Stadtkirche St. Blasius

Schlaitdorf · St. Wendelin-Kirche

Impressum

Schlaitdorf · St. Wendelin-Kirche fotografiert am 25.05.2021 - 115 Bilder
Auf www.kirchen-online.com veröffentlicht am 28.12.2021 SDG
(c) 2021 Foto-Kunst Andreas Keller

Herzlichen Dank an Ludger Schmidt und Ulrich Zimmermann für Ihre Beiträge und Hilfe.

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