Reutlingen · Christuskirche · Fresken im Chor

Die Bilder im Chor von Walter Kohler, Stuttgart

"In herrlicher Fülle strömt das Licht durch das hochgelegene Fenster im Chor und lässt dessen Wände aufleuchten. Hier ist der für die Malerei geschaffene Platz. Hier kann der Maler den Krieg schildern, wo Christus siegte über Tod und Teufel. Ein großer Zyklus von Bildern soll das Hereinkommen der Sünde durch die ersten Menschen und die Überwindung von Sünde und Tod durch Christus zeigen. Als Bilder sind geplant: die Erschaffung des Menschen, der Sündenfall, die Austreibung aus dem Paradies, Geburt Christi, Berufung der Jünger, Heilung des Blindgeborenen, die große Sünderin, Einzug in Jerusalem, Gefangennahme Christi. Gemalt sind bis jetzt nur Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt.
Die Kreuzigung zeigt den Erlöser, auf der linken Seite Maria und Johannes, den Hauptmann und den Schächer, auf der rechten Seite zwei Spötter, die würfelnden Soldaten und den anderen Schächer.

Die Auferstehung: der Auferstandene, neben ihm der Engel mit der Grabplatte, links oben ein Engel mit der Posaune und die erschrocken fliehenden Wächter.
Die Himmelfahrt: den gen Himmel entschwebenden Herrn, daneben die zurückbleibenden Jünger.
Die Ausführung der Bilder geschieht in Tagschichten-Fresko. Es wird für jeden Tag der zu bemalende Wandteil mit Kalkmörtel frisch aufgetragen. Es wird dann in den frischen Putz hinein naß in naß gemalt. Diese Malart ist uralt und gehört zu dem Haltbarsten. Sie zeichnet sich dadurch aus, daß die Farben eine wunderbare Leuchtkraft erhalten." (*)
(Auszug aus der Festschrift zur Einweihung 28.11.1936)

Die umfangreiche Literatur über Walter Kohler kann man gut über den Artikel auf Wikipedia erschließen. Zum 75. Todestag (2020) verfasste Gerhard Raff einen Nachruf in der Stuttgarter Zeitung, den er freundlicherweise hier z. V. (Download) gestellt hat.

(*) "Bei seiner Freskotechnik bediente er sich des Caseins der Bauern, also des schwäbischen Luckeleskäs" (Kalkkasein) - Zitat vom 7. April 2014 aus Privatkorrespondenz der Kohler-Verwandtschaft. (Ulrich Zimmermann)

Fertig gestellt zur Einweihung 1936
Die weiteren Bilder entstanden 1937 - "eingeweiht" am 24.11.1937

Das Chorfenster von Gudrun Müsse Florin kam erst 1989 in die Kirche. Bis dahin einfaches Glas.

Die Beschreibung der einzelnen Bilder ist der Festschrift 2006 entnommen, ebenso die Numerierung wie auch das Bildschema:

Die Wandgemälde im Chor von Walter Kohler

In erstaunlich satten Farben erinnern die Wandgemälde im Chor der Christuskirche an die Tafeln eines weit aufgeklappten Flügelaltars. Kein Platz im Gestühl, kein Standort in der Kirche bietet einen Gesamtüberblick. Nur vom Altar aus entfalten sich dem Betrachter die Beziehungen aller Tafeln zueinander. Die Bilder laden ein, an den Tisch des Herrn zu treten.
Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt bilden die Mitte um das hohe Chorfenster. Jedes Teilbild ist durch Farben und Motive für sich aussagekräftig. Doch lässt sich das Bildprogramm nicht wie eine Geschichte fortlaufend lesen. Die Gesamtanordnung ist voll spannungsreicher, sich überkreuzender Beziehungen.
Für die Entstehungszeit zwischen 1936 und 1939 ist bemerkenswert, wie konsequent der Stuttgarter Künstler Walter Kohler den gekreuzigten Christus und das Evangelium für alle Menschen auf dem Hintergrund des Alten Testaments darstellt. (*)
Die Bildfolge beginnt an der Nordwand des Chores links oben mit der Erschaffung des Menschen (nach 1. Mose 2). Ihr steht an der Südwand rechts oben die Geburt Christi gegenüber. Dem entspricht ebenfalls in den Außenfeldern der mittleren Bildzeile das Gegenüber von Sündenfall (1. Mose 3) und der Versuchung Jesu (Matthäus 4). Links folgt als unterstes Bild die Vertreibung des Menschenpaares aus dem Paradies (1. Mose 3,24). Dem ist Jesu Ruf in die Nachfolge zugeordnet (Markus 1,16-20). Schritte aus der Nähe Gottes fort und Berufung zum Heil durch Jesus, Abkehr des Menschen und dennoch Zuwendung zum Menschen durch Jesus als Heiland. Bis in Details finden sich spiegelbildlich aufeinander bezogene Motive.

(*) Walter Kohler gehörte mit seinen hier tätigen Kollegen Rudolf Müller und Helmuth Uhrig sowie anderswo dem befreundeten Glasmaler Adolf Valentin Saile (1905-1994) zu den einzigen Künstlern in Württembergs evangelischen Kirchen während der NS-Zeit, die es damals wagten, nicht "judenfrei" zu malen, sondern entgegen jeglicher Juden-Verunglimpfung ihre Kunstaussage bewusst auf der heilsgeschichtlich-alttestamentarischen Tradition Israels aufzubauen. Neben dem künstlerischen Wert des Freskos besteht hierin seine immense zeitgeschichtliche Bedeutung - vor allem für die damalige Ortsgemeinde und ihre Standhaftigkeit. Die Künstler um Walter Kohler waren auch durch ihre Kunstauffassung des Expressiven Realismusund / sowie als Mitglieder der ab 1933 aufgelösten Künstlervereinigungen Stuttgarter Sezession und Stuttgarter Neuen Sezession miteinander verbunden. (Ulrich Zimmermann)

Link zum Altarfenster von Gudrun Müsse Florin

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Gesamtsicht I (3 Bilder Querformat)

Gesamtsicht II (5 Bilder Hochformat)

1 · Erschaffung des Menschen

Da sind z. B. im Bild von der Erschaffung des Menschen abgestufte, zerklüftete Felsterrassen. Dort erinnern sie daran, dass Brot des Lebens nicht wie durch Zauber aus natürlichem Gestein zu gewinnen ist. Material aus der geschaffenen Welt vermag den Menschen nicht aus einer Not zu befreien. Auch dann nicht wenn aus Steinen Brot hergestellt würde.

2 · Sündenfall

Im Bild vom Sündenfall windet sich nach alter Gemäldeüberlieferung die Schlange um den Stamm des Paradiesbaumes. Sie hat - wohl wie zuerst bei Hugo van Goes (Venedig um 1460) - einen Frauenkopf. Eva reicht mit ihrer rechten Hand Adam die Frucht vom Baum der Erkenntnis. Zugleich hält sie erwartungsvoll die linke Hand in Richtung auf Baum und Schlange ausgestreckt und geöffnet. Könnte nicht mehr als nur eine Frucht den Menschen bereichern?

3 · Vertreibung aus dem Paradies

Aus der paradiesischen Nähe zu Gott verwiesen, schleichen sich Adam und Eva davon, draußen vor der Mauer dem Tode entgegen. Der zweite Adam, Christus, wird Urheber des Lebens. Somit bleibt vom Weg des ersten Adam nicht viel darzustellen. Der Weg mit Jesus zum Kreuz ist wichtiger als die Adamsgeschichte. Jesu Weg führt gegenläufig von rechts nach links in der unteren Bildzeile auf das den Menschen verschlossene Paradiestor zu. Dort steht der Engel mit dem flammenden Schwert.

Details Bilder 1 - 3

4 · Christi Geburt

    • Genau entgegengesetzt zur links unten verschlossenen Tür des verlorenen Paradieses beginnt rechts oben mit Christi Geburt das neue Thema: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis …" Maria sitzt mit dem in Windeln gewickelten Sohn auf einer Ecke der Krippe. Wie in der frühesten christlichen Kunst gehören die bei den Propheten Jesaja und Habakuk genannten Tiere, Ochse und Esel, zur Darstellung von Jesu Geburt. Der Ochse gilt als das reine, den Hirten und dem erwählten Volk Israel zugeordnete Tier. Der Esel, zugleich Sinnbild der Magier, verkörpert die unter der Last ihrer Unwissenheit herumirrende Heidenwelt. Für beide ist Christus geboren. Die Darstellung verzichtet auf Engel und Heiligenschein und beschränkt sich auf die Anbetung durch drei Hirten. Der betende Joseph ist buchstäblich Randfigur. Die Hirten vom Felde stehen näher bei dem Kind, das als der gute Hirte sein Leben lassen wird für die Seinen (Johannes 10,11-16).

5 · Die Versuchung Jesu

Im Gegenbild (zu 2 Sündenfall) an der Südwand tritt der Versucher als Mann in halblangen Pumphosen Jesus in den Weg. Dieser Versucher will mehr bieten, als Eva weiterzureichen hatte. Seine Linke weist abwärts auf die herumliegenden Steinbrocken, Krümel aus einem nahezu unerschöpflichen Vorrat. Jesu linke Hand greift nicht zu; sie wehrt ab. Und mit seiner Rechten weist er aufwärts zu Gott: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht" (5. Mose 8,3; Matthäus 4,4).

6 · Die Berufung der Jünger

Jesus trägt immer ein rötelfarbenes Gewand. Bei der Berufung der ersten Jünger ist es durch jenes weiße, ungenähte Tuch ergänzt, um das die Kriegsknechte unter dem Kreuz würfeln. Simon Petras im gleichen Blau, wie es Moses als den Überbringer des Gesetzes kleidet, steht bereit hinter Jesus am Land. Mit erhobenen Händen, wie einer, der sich nach langem Widerstand ergibt, nähert sich Andreas durchs Wasser. Er wird ein „Gefangener Christi" (Epheser 3,1). Jesus winkt ihn heran: Ich brauche dich als „Menschenfischer" (Markus 1,17). Das Brüderpaar Jakobus und Johannes, Söhne des Zebedäus, sieht noch vom Kahn aus einer Berufung entgegen.

7 · Blindenheilung

Ein Blinder, den sie zu Jesus brachten, sagt nach der ersten Berührung mit Jesus: „Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen " (Markus 8,24). Mit einer weiteren Berührung schenkt ihm Jesus die volle Sehkraft zurück. Das Zöpfe tragende Mädchen mag als Blindenführerin gedient haben. Blindenhunde gab es noch nicht. Wird das Kind überflüssig? Hat es ausgedient? In betender Haltung erlebt es die Heilung. Kinder haben vollen Anteil an Gottes Reich (Markus 10,15). Wer ein Kind verachtet, verachtet den Christus. Ob den im Hintergrund stehenden Zuschauern auch die Augen für das anbrechende Gottesreich geöffnet wurden? Womöglich gilt: So ihr nicht werdet wie die Kinder ...

8 · Salbung Jesu

Den Gegensatz zwischen praktischer und theoretischer Liebe zeigt das Bild von der Salbung Jesu. Für den Gegenwert eines kleinen Vermögens hat eine Frau Nardenöl zur Salbung der Füße Jesu verwendet. „Und trocknete mit ihrem Haar seine Füße" (Johannes 12,1-8). Einer zeigt verächtlich auf diese Frau und solche törichte Verschwendung „Wenn dieser (Jesus) ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist" (Lukas 7,39). Judas Ischariot, im weißen Gewand am Tisch sitzend, wüsste das Geld lieber anonym für „die Armen" verwendet (Johannes 12,3). Judas übersieht, wie Liebe spontan ohne nachzurechnen handelt. Die Sünderin wird zur Jüngerin und salbt den Todgeweihten.

9 · Einzug in Jerusalem

Senkrecht in der Blickachse unter dem Kreuz reitet Jesus nach Jerusalem ein. Der seitlich auf dem Esel Sitzende hat angekündigt, was ihn erwartet: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind!" (Matthäus 23,37) Als ob er andere Erwartungen abweisen und sich seinen schweren Weg ertasten müsse, streckt Jesus seine Hand vor. Niemand ergreift sie. Die Hände der Jubelnden sind ins Leere gerichtet wie der Blick des Verdrossenen links außen. Nur zwei der Jünger begleiten ihren ungekrönten Herrn. Die Palmzweige sind Zeichen des Willkommens, der Begeisterung und des Friedens, Darüber hinaus bezeichnen sie Sieg über den Tod und Einzug ins Paradies.

10 · Verrat des Judas

Weiß gekleidet umarmt Judas Ischariot seinen Herrn, um ihn zu küssen. Die Mannschaft soll wissen, wer festzunehmen ist. Diese Farbwahl für Judas weicht ganz von den Regeln der Symbolik ab. Sonst markiert Gelb die aus der Gesellschaft ausgestoßenen Ketzer, Aussätzigen und Verräter. Als die Bildfolge entstand, wurden in Deutschland Juden mit dem gelben Davidsstern markiert. Weiß ist die Farbe der Heiligen, der Hinweis auf Friedensliebe und Unschuld. Könnte auch ein Judas Werkzeug in Gottes Heilsplan sein? Ohne Verrat kein Kreuz, ohne Kreuz kein rettender Tod und kein Ostern! Petrus wollte ihm mit falschen Mitteln Treue beweisen (blaues Gewand). Das Evangelium lässt sich nicht durch Schwertstreiche ausbreiten oder verteidigen. Im Hintergrund steht einer bereit, der am Kreuz den Lanzenstich ausführen wird. Jesus wendet sich dem verletzten Malchus mehr zu als seinem zurechtgewiesenen Getreuen.

Details Bilder 5 - 10

11 · Kreuzigung

Während die Mitverurteilten am Querholz mit Stricken festgebunden und an den Kreuzstämmen hochgezogen wurden, ist der Hauptverurteilte angenagelt. Nach römischem Recht durften nur Sklaven und solche gekreuzigt werden, die kein römisches Bürgerrecht besaßen. Der wie ein König empfangen wurde, wird wie ein Rechtloser oder Aufständischer hingerichtet. Im Bild fließt kein Blut. Der Gekreuzigte lebt noch. Sein Blick wendet sich Maria und Johannes zu. Der Jünger stützt die Mutter Jesu, die er auf eines der sieben Worte vom Kreuz hin zu sich nehmen soll (Johannes 19,27). Als Beauftragter Jesu ist er im rötelfarbenen Gewand gemalt wie noch ein anderer, der das Evangelium in aller Welt verkünden wird: Paulus im nach links anschließenden Apostelbild (15). Die Mitverurteilten verhalten sich gegensätzlich. Der zwischen Johannes und Longinus, dem Lanzenträger, Hängende, wirft herausfordernd seinen Kopf hoch: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!" (Lukas 23,39) Der auf der Seite der Würfelnden weiß sich rechtens verurteilt. Auf die Bitte, Jesus möge ihn nicht vergessen, wenn er „in sein Reich kommt", wird ihm zugesagt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein" (Lukas 23,43). Ein anderer blickt wie im Vorbeigehen auf das Kreuz. Ein Schriftgelehrter will aufmerksam beobachten, was mit dem Gekreuzigten geschehen wird. Die Würfelnden haben nur Materielles im Sinn, den ungenähten Rock Jesu. Dabeisein macht niemand zum Glaubenszeugen. Keine weitere Erinnerung und kein Hinweis auf die Schädelstätte vor dem Tor außerhalb der Stadt Jerusalem. Mit weniger Zutat als bei einem Passionsspiel wird nur ein Ausschnitt der sich über Stunden erstreckenden Folterung mit tödlichem Ausgang gezeigt. Der bartlose Kopf des mit einer Dornenkrone Gekreuzigten verdeckt die von Pilatus gewollte und die Juden demütigende Kreuzinschrift teilweise. Andeutungen genügen. Der Betrachter wird unfreiwillig auf einen Blickwinkel festgelegt, als stünde auch er mit unter dem Kreuz Jesu Christi.

Details Bild 11

Bilder 12 - 15

Vier Zeugen flankieren die Kreuzigungsgruppe. Zugleich stützen sie wie Säulen die Bildflächen von Auferstehung und Himmelfahrt Christi. Moses bringt seinem Volk die heiligen Zehn Gebote. Er eifert für die Geltung und Reinhaltung des Gesetzes, zusammengefasst im ersten Gebot. Blau ist die Farbe der Wahrheit und Treue. „Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden" (Johannes 1,17).
Der Prophet Jesaja - mit einem rötelfarbenen Gewand und einer Schriftrolle in der linken Hand. - steht dem gekreuzigten Jesu am nächsten. Seine Gottesknechtlieder nehmen das Leiden Jesu in bewegender Weise voraus: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen" (Jesaja 53,4). Seiner Prophetie verdanken, wir die Verheißungen, die. in Jesus Christus erfüllt wurden: Immanuel-Gott mit uns (Jesaja 7,14), Friede-Fürst (Jesaja 9,5). „Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und. der Furcht des HERRN" (Jesaja 11,2).

Johannes der Täufer zeigt wie im Bild des Isenheimer Altars mit überlangem Zeigefinger von rechts nach links auf den Gekreuzigten. Im härenen Gewand verweist der Täufer auf Jesus: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen" (Johannes 3,30). Die vierte der tragenden Einzelfiguren ist Paulus. Er trägt das „Schwert des Geistes" (Epheser 6,17) in seiner linken Hand. Sein Wort im 1. Korintherbrief 3,11 ist 1936 zu einem Gründungswort der Christuskirche geworden: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus."

16 · Auferstehung

    • Schwebend verlässt der Auferstandene den Steinsarg, dessen Deckplatte ein zu ihm aufblickender Engel festhält. Die beiden Grabwächter fliehen. Einer schirmt Blick und Gesicht ab gegen das Ereignis. Weit entfaltet sich am Ostermorgen die Fahne des Siegers über den Tod.

17 · Himmelfahrt

    • Der Auferstandene ist durch eine kleine Wolkenbank von einer Menschengruppe abgesetzt. Der ausgestreckte linke Arm weist an und hält ein wenig Abstand. Ratlos fragen und bitten die einen, andere wirken gesammelt und zustimmend zum letzten Auftrag: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker" (Matthäus 28,19). Wie im Bild von der Auferstehung ist in der letzten Begegnung vor der Himmelfahrt Christus größer als die natürlichen Personen dargestellt. Einer trägt wieder ein weißes Gewand. Sollte doch ein Judas auch unter den Sendboten des erhöhten Herrn sein dürfen? Die Bildfolge entstand in den Jahren des Kirchenkampfes. Keine Kirche ganz ohne eine Judasgestalt und die Vergebung, die den Verfolger tüchtig macht zum Dienst und ihn heiligt. Paulus erinnert daran im Brief an die Galater 1,13-16.

18 · Krönung

Im schmalen Bild direkt über dem Gekreuzigten tragen zwei liegende Engel die Krone, die dem König beim Einzug noch fehlt. Der Engel links vertritt mit dem Palmzweig den Neuen Bund, das Evangelium. Der andere Engel mit dem flammenden Schwert rechts vertritt das Gesetz des Alten Bundes. Der Gekreuzigte hat Gesetz und Evangelium erfüllt. Getreu bis in den Tod, steht ihm als dem Ersten die Krone des Lebens zu (Offenbarung 2,10).

19 · Predella


Das Altarfenster von Gudrun Müsse Florin

Man kann davon ausgehen, dass der Künstler Walter Kohler hier in der richtigen Proportion den Grund für ein Altarfenster, in dem er die künftige Herrlichkeit von Jesus Christus mit leuchtenden Farben entfalten wollte, gelegt hat. Der Krieg und sein früher Tod verhinderten das.
Bereits in der 1986 erschienenen Schrift zum 50-jährigen Jubiläum der Christuskirche wird ein neues Altarfenster angekündigt: „Das leere Fenster des Altarraumes fordert zu einer künstlerischen Gestaltung heraus, die im Zwiegespräch mit den Bildern Walter Kohlers das Licht der Auferstehung erstrahlen lässt. Mit dem Jubiläum eröffnen wir einen Fonds, der dieses Vorhaben ermöglichen soll."
im April 1989 beauftragte der Kirchengemeinderat die Künstlerin Gudrun Müsse Florin aus Göggingen im Dekanat Schwäbisch Gmünd, Sie legte einen ersten Entwurf vor, der in der Öffentlichkeit der ganzen Gemeinde diskutiert werden konnte. Der Entwurf fand Zustimmung und eine große Abordnung der Gemeinde fuhr nach Rottweil, um in der Glaswerkstatt Derix die Entstehung des Altarfensters unmittelbar zu erleben.

Am 15. Oktober 1989 - in einem festlichen Gottesdienst mit der Künstlerin - wurde das neue Fenster in den Altarraum der Christuskirche eingefügt..

Gudrun Müsse Florin schreibt zu ihrem Werk:

Grundsätzliches
Dem erdigen, statischen Wandbild von Walter Kohler möchte ich gerne Dynamik im Fenster als Gegenpol hinzufügen.
Zur Gestaltungsidee
Inspiriert zur Idee hat mich das Krönchen, getragen von dem Engelspaar über dem Gekreuzigten. Weil diese Krone so unscheinbar ist, wurde sie mir wie ein Samenkorn, aus dem neue Dimensionen hervorwachsen.
Das Glas, das vorn Licht lebt, ist eine äußerliche neue Dimension, die schwingenden Vertikalen eine innere Dimension. Sie entspringen den Horizontalschichtungen im unteren Bereich des Fensters und bilden und begleiten eine Spiralbewegung, die über den Rahmen ansteigend hinausschwingt.
Schwingung bedeutet mir Metapher (bildhafte Übertragung) für Leben, die angedeuteten Tore Metaphern für Durchbruch; Erdschichten, Gesteinsschichten Metapher für Verkrustung. Diese brechen auf, werden hochgehoben wie Asphalt, wenn ein Löwenzahn hindurchwachsen will.
Zur Farbigkeit
Farblich kehren in den erdigen Schichten die erdigen Farben des Wandbildes wieder. Auch die Blautöne einzelner Gewänder und der Szeneneinrahmung werden ins Glas hineingenommen.
Die Tore oben schaffen einen formalen Bezug zu den vier Toren im Wandbild unten, lassen aber auch Gedankenassoziationen an das Himmlische Jerusalem zu."

Angemerkt sei, dass "Gudrun Müsse Florin seit 1963 bis heute in zahlreichen württembergischen (vor allem: evangelischen) Kirchen, Krankenhaus-, Friedhofskapellen und Ausstellungen vorwiegend kirchliche Kunst platziert hat. (Ulrich Zimmermann)